Sr. Klara mit zwei Schülerinnen

„Gott hat mich wachsen lassen“

Fast 70 Jahre im Dienst an den Menschen. Sr. Klara Berchtold ist 89 Jahre alt und lebt seit 68 Jahren im Heiligen Land. Ein Gespräch darüber, wie reich ein Leben ist, wenn es vom Miteinander geprägt ist.

Sr. Klara, Sie sind mit 21 Jahren ins Heilige Land aufgebrochen. Was haben Sie damals erwartet?

Alles und nichts. Ich wollte von frühester Jugend in die Mission – das wusste ich. Aber vorbereitet war ich nicht. Ich hatte kein bestimmtes Land im Blick, keine Sprachkenntnisse und keine Erfahrung. Im Nachhinein war das ein Abenteuer. Und: Ich bereue es nicht eine Sekunde. Es war vom ersten Augenblick an eine Freude.

Wie sah dieser erste Augenblick aus?

Wir wohnten bei den Hirtenfeldern in Beit Sahour in einem Priesterseminar. Es gab kein fließendes Wasser. Dreimal am Tag haben Arbeiter mit einem Esel in Bethlehem Wasserkanister gefüllt und geholt. Es waren einfachste Verhältnisse. Aber es gab kein Jammern – denn wir waren mitten unter den Menschen. Das war das Größte. Das war genau das, was ich wollte.

Dann kam Ramallah.

Wir haben dort ein Krankenhaus übernommen – und wir waren nur zwei Salvatorianerinnen. Unsere Wohnung: zwei Matratzen auf dem Boden. Zuerst haben wir tagelang geputzt. Und dann haben wir angefangen zu arbeiten. So wie es war, war es gut.

Nach Ramallah kamen Sie nach Emmaus und später nach Nazareth. Was hat Ihnen die Arbeit in den verschiedenen sozialen Einrichtungen der Schwestern gegeben?

Ich war immer die Beschenkte – und ich konnte schenken. Das klingt wie ein Widerspruch, aber es ist keiner. In Emmaus zum Beispiel: alte, alleinstehende Frauen, deren Pflege niemand aus der Familie übernehmen konnte. Dort haben wir bei Null angefangen. Aber das war nicht wichtig. Ich habe manchmal einfach bei einer Frau gesessen und ihre Hand gehalten. Das hat ihr etwas gegeben – und mir auch. Wir haben uns Zufriedenheit geschenkt, Glauben, Vertrauen. Daran bin ich gewachsen. Ich bin immer wieder beschenkt worden.

Hat sich Ihr Glaube in all diesen Jahren verändert?

Ja. Ich habe heute einen anderen Glauben als in meiner Jugend. Ich kann mich mehr überlassen. Ohne Gebet geht gar nichts – das ist unser Fundament. Persönlich und gemeinsam. Im Gebet sind wir zusammen stark.

Wie sind Sie in fast 70 Jahren in der Mission mit schwierigen Momenten umgegangen?

Es gab Momente, in denen ich einfach nur weglaufen und alles hinwerfen wollte. Aber ich habe gelernt, dass es besser ist weiterzumachen. Es braucht Ausdauer und auch Anstrengungen – vor allem das Gebet. Wenn wir nicht am Problem hängen bleiben, sondern die Situation annehmen, sind wir einer Lösung meist schon sehr viel nähergekommen. In meinem Leben ist immer alles gut ausgegangen. Vielleicht manchmal anders als erwartet oder später als erwartet – aber das Bessere ist passiert. Gott hat mir immer die Kraft gegeben, darauf zu vertrauen und dafür zu arbeiten.

Was hat Sie in den vielen Jahren in der Mission wachsen lassen?

Die gesamte Zeit, genau so wie sie war. Denn ich fühle mich so reich beschenkt. Ich bin unter den Menschen, ich lebe und arbeite bis heute mit ihnen. Das ist alles, was ich wollte. Dass ich damals ins Meer hineingeworfen wurde – in dieses Leben im Heiligen Land, in der Mission –, lässt mich heute auf ein erfülltes, reiches Leben schauen. In jeder Begegnung, Krise und Zeit der Not habe ich viel gelernt und erfahren. Ich bin großzügiger geworden und dankbar. Für das Vertrauen der Menschen, mein Gottvertrauen. Gott hat mich wachsen lassen.

„Ohne Gebet geht gar nichts – das ist unser Fundament. Persönlich und gemeinsam. Im Gebet sind wir zusammen stark.“
Sr. Klara

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